Grundlagen der Aussagepsychologie

Die Aussagepsychologie ist gefragt, wenn im Sexualstrafrecht die Aussage des möglichen Opfers als einziges Beweismittel gegen den bestreitenden Beschuldigten steht. Es bleiben dem Beschuldigten auch keine Verteidigungsmöglichkeiten, denn was soll er sagen über ein Ereignis, das nie stattgefunden hat? Ob die Aussage des möglichen Opfers glaubhaft ist, erlangt dementsprechend eine enorme Bedeutung für das Strafverfahren.

Die Beurteilung der Glaubhaftigkeit von Aussagen ist „ureigenste Aufgabe des Gerichts“. Nur wenn diese Beurteilung eine spezielle Sachkunde erfordert, über die ein Richter auch bei „spezifischer forensischer Vorerfahrung“ nicht verfügt, muss er die Meinung eines aussagepsychologischen Sachverständigen einholen.

Aussagepsychologie: Grundsatzentscheidung

In BGHSt 45, 164 hat der Bundesgerichtshof wissenschaftliche Mindestanforderungen an aussagepsychologische Gutachten (Glaubhaftigkeitsgutachten) festgelegt. Zwingend aufzuklären ist die Entstehung und Entwicklung der Aussage (Aussagegenese).

Als zentrales Verfahren wird die merkmalsorientierte Inhaltsanalyse vorgegeben, bei der anhand sog. Realkennzeichen (Realitätskriterien) nach Indikationen gesucht werde, ob die Aussage der untersuchten Person tatsächlich erlebnisbasiert sein kann.

Das Verfahren beruht auf der Annahme, dass die Schilderung eines wahren oder bewusst unwahren Geschehens geistig grundlegend unterschiedlicher Prozesse bedürfe. Trotz nur geringer Validität der Realkennzeichen und teilweise erheblicher Fehlerspannen in wissenschaftlichen Untersuchungen, sieht der BGH den kumulativen Aussagewert der Methodik als „grundsätzlich empirisch überprüft“ an. Zu den Realkennzeichen gehören insbesondere die inhaltliche Konsistenz und die Aussagekonstanz.

Nicht geeignet ist die merkmalsorientierte Inhaltsanalyse dagegen zur Unterscheidung von wahren und suggestiv beeinflussten Aussagen. Diese Prüfung erfolgt hypothesengeleitet.

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Hypothesengeleitete Prüfstrategie

Das methodische Grundprinzip besteht darin, einen zu überprüfenden Sachverhalt (hier: Glaubhaftigkeit der spezifischen Aussage) so lange zu negieren, bis diese Verneinung mit den gesammelten Fakten nicht mehr vereinbar ist. Der Sachverständige nimmt daher bei der Begutachtung zunächst an, die Aussage sei unwahr (sog. Nullhypothese). Zur Prüfung dieser Annahme hat er weitere Hypothesen zu bilden.

Die Bildung relevanter Hypothesen ist daher von ausschlaggebender Bedeutung für Inhalt und methodischen Ablauf der Glaubhaftigkeitsbegutachtung. Sie stellt nach wissenschaftlichen Prinzipien einen wesentlichen, unerlässlichen Teil des Begutachtungsprozesses dar. Dazu können neben einer bewussten Falschbeschuldigung etwa auto- oder (ggf. bewusst) fremdsuggerierte Angaben gehören. Jedenfalls bei kindlichen Zeugen besteht die Gefahr, dass diese ihre Angaben unbewusst ihrer eigenen Erinnerung zuwider verändern, um den Erwartungen eines Erwachsenen, der sie befragt, zu entsprechen oder um sich an dessen vermuteter größerer Kompetenz auszurichten.

Mögliche (allgemeine) Hypothesen können sein:

  • Einschränkungen der Aussagetüchtigkeit (z.B. infolge des Alters)
  • komplette oder teilweise bewusste Falschaussage (Lügenhypothese)
  • soziale Beeinflussung des Zeugen (Suggestionshypothese)
  • Neubewertung einer Beziehung oder eines Partners (Umdeutungshypothese)
  • Transfer tatsächlicher Erlebnisse von anderen Personen auf den Beschuldigten
  • mangelnde Unterscheidungsfähigkeit zwischen Realität und Phantasie

Zu berücksichtigen sind nicht alle denkbaren, sondern nur die im konkreten Fall nach dem Stand der Ermittlungen realistisch erscheinenden Erklärungsmöglichkeiten. Die gebildeten Hypothesen müssen jedoch vollständig sein, da ansonsten die Gefahr falscher Ergebnisse besonders groß ist.

Ergibt die Prüfstrategie, dass die Unwahrhypothese mit den erhobenen Fakten nicht mehr in Übereinstimmung stehen kann, so wird sie verworfen. Es wird dann angenommen, dass es sich um eine wahre Aussage handelt (Erlebnishypothese).

Fehlerquellenanalyse: Motivations- und Kompetenzanalyse

Das so erzielte Ergebnis ist dann insbesondere mit den Mitteln der Fehlerquellenanalyse auf seinen individuellen Aussagewert dahingehend zu prüfen, ob eine – qualitativ hochwertige und infolgedessen einen Erlebnisbezug indizierende – Aussage nach aussagepsychologischen Kriterien sowie den individuellen Fähigkeiten und Kompetenzen des Zeugen als zuverlässig eingestuft werden kann (Kompetenzanalyse).

Die Motivationsanalyse zielt hingegen auf die Feststellung möglicher Motive für eine unzutreffende Belastung des Beschuldigten durch einen Zeugen ab. Wesentliche Anhaltspunkte für potentielle Belastungsmotive können etwa der Untersuchung der Beziehung zwischen dem Zeugen und dem von ihm Beschuldigten entnommen werden, z.B. ein Rachemotiv.

Aussagepsychologie ist keine Wunderwaffe

Schließlich darf die Aussagepsychologie nicht überbewertet werden, sie ist vielmehr abhängig von der Kompetenz des Sachverständigen. Psychologen brauchen keine Zusatzqualifikation, um Gutachten für ein Gericht anzufertigen. Es obliegt allein dem Richter, ob er einen Sachverständigen für qualifiziert hält – eine formale Hürde gibt es nicht. Solche Gutachten werden im Übrigen gut bezahlt und sind folglich ein attraktiver Nebenverdienst. Die Qualität des Gutachtens bleibt dann manchmal auf der Strecke.

Problematisch ist ferner die fehlende Unabhängigkeit einiger Gutachter. Wenn diese stets von einer Staatsanwaltschaft oder einem Gericht beauftragt werden, könnte sie das dazu verleiten, sich überwiegend ihrem Auftraggeber gefällig zu zeigen.

Hinzu kommt, dass die erfahrensten Sachverständigen nur schwierig zu beauftragen sind. Einerseits können diese sich vor Aufträgen kaum retten, andererseits bedeutet dies eine dementsprechend überlange Bearbeitungsdauer. So können teilweise zwei Jahre von der Exploration bis zu dem fertigen Gutachten vergehen.

Letztlich treffen Gutachten nur Wahrscheinlichkeitsaussagen, deren Würdigung dem Gericht obliegt. Dennoch wird ein Gericht nur in den seltensten Ausnahmefällen gegen das Ergebnis des Sachverständigengutachtens entscheiden – namentlich dann, wenn es der Verteidigung gelungen ist, die Methodik des Gutachtens nachhaltig zu erschüttern.

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