Bedeutung der Erstaussage bei sexuellem Missbrauch

Bedeutung der Erstaussage bei sexuellem Missbrauch

Im Verfahren beim Vorwurf sexuellen Missbrauch von Kindern oder Jugendlichen kommt der Erstaussage des möglichen Opfers maßgebliche Bedeutung zu. Denn häufig ergeben sich bei späteren Befragungen im Ermittlungsverfahren sowie in der Hauptverhandlung erhebliche Widersprüche und Unvereinbarkeiten mit der Erstaussage. Es bedarf folglich einer besonders sorgfältigen Vorbereitung des Strafverteidigers des Beschuldigten.

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Maßgebliche Bedeutung der Erstaussage

Die Vernehmungspersonen stehen unter Erfolgsdruck, durch den vielfältige Fehlerquellen eröffnet werden. Erlebnisbegründete Aussagen zeichnen sich dadurch aus, dass diese in freier Erzählung, etwas sprunghaft und in ungeordneter Reihenfolge und mit zahlreichen Details ausgeschmückt hervorgebracht werden. Liegt allerdings dagegen nicht genügend (belastendes) Aussagematerial vor, setzt dies die Ermittler unter einen enormen Druck, da möglicherweise ein Schuldiger der Verurteilung entgegen würde. Das führt dazu, dass die Vernehmungspersonen beginnen, nun viele Fragen zu stellen – oftmals mit suggestivem Fragecharakter. Dadurch besteht die Gefahr, dass eine Frage gewissermaßen schon die Antwort beinhaltet – was doch durch die Frage eigentlich erst ermittelt werden soll. Viele Fragen begründen daher eine hohe Suggestionsgefahr.

Gravierende Fehlerquellen in der Vernehmungssituation

Die Anforderungen, die an die Vernehmungsperson gestellt werden, sind zweifellos hoch. Allerdings kann nur so vermieden werden, dass ein kindlicher oder jugendlicher Zeuge in einer Weise beeinflusst wird, die zu einem falschen, weil unwahren Ergebnis führt. Allen Beteiligten muss stets klar sein, dass kindliche und jugendliche Zeugen altersbedingt leicht zu beeinflussen sind. So haben sich Fehlerquellen in Vernehmungssituationen herausgebildet, die unbedingt zu vermeiden sind.

Die „Geburtsstunde“ der Aussage

Aufzuklären ist zwingend auch die Entstehung und Entwicklung der Aussage, vor allem die „Geburtsstunde“ der Aussage (Aussagegenese). Besonders dann, wenn es sich bei dem möglichen Tatopfer um ein (jüngeres) Kind handelt, werden zu diesem Zweck die Angaben der Personen, denen gegenüber es sich zu den Tatvorwürfen geäußert hat (z.B. Eltern, Lehrer) und deren fremdsuggestive Einflüsse zu berücksichtigen sein. Denn selbst wenn eine Aussage eine hohe Erlebnisqualität aufweist, könnte sie aufgrund massiver Suggestionseinflüsse nicht mehr zuverlässig sein.

Eine professionelle Strafverteidigung sollte die Grundregeln der Vernehmungslehre sicher beherrschen und wird sämtliche Einflüsse der Erstaussage kritisch untersuchen sowie im Zweifel ein Glaubwürdigkeitsgutachen einholen.